24.02.20216
Interview mit Alexander Stahlheber
Meine erste Zeit in der JG Rhein-Main
Herr Stahlheber, was hat Sie an der Stelle des kaufm. Geschäftsführers der JG Rhein-Main gereizt?
In den vergangenen vier Jahren war ich als kaufmännischer Vorstand bzw. Geschäftsführer bei einem großen Träger im Jugendhilfebereich mit zwei angeschlossenen Förderschulen für emotionale und soziale Entwicklung tätig. Die Möglichkeit neue Erfahrungen zu sammeln und ein herausforderndes Aufgabengebiet im Bereich der Eingliederungshilfe zu übernehmen hat mich von Anfang an sehr angesprochen.
Die JG Rhein-Main ist mit ihrer langjährigen Tradition und Erfahrung in den einzelnen Einrichtungen, ihrem sehr guten Ruf und rund 1.400 engagierten Mitarbeitenden eine überregional bekannte Institution. Gerade in wirtschaftlich und gesellschaftlich unruhigen Zeiten braucht eine Organisation dieser Größenordnung Stabilität sowie zukunftsfähige Strukturen.
Die Verbindung aus gesellschaftlicher Verantwortung, Sinnstiftung und einem großen Gestaltungsspielraum hat mich sofort überzeugt. Ausschlaggebend für meine Bewerbung war letztendlich aber insbesondere die spürbare Offenheit und Freundlichkeit der Menschen, die ich bei meinen Vorabbesuchen der drei Stammgelände sowie des Kinos gemeinsam mit meiner Familie erleben durfte.
... und jetzt sind Sie da. Wenn Sie auf Ihre ersten Monate als kaufmännischer Geschäftsführer der JG Rhein-Main schauen: Was haben Sie in dieser Zeit besonders wahrgenommen oder mitgenommen?
Besonders beeindruckt hat mich das hohe Engagement und die ausgeprägte Fachlichkeit der Mitarbeitenden. Trotz stetig steigender Anforderungen und Auflagen in einem angespannten wirtschaftlichen Umfeld – besonders im Hinblick auf unseren größten Kostenträger, den Landeswohlfahrtsverband (LWV) – erlebe ich im Arbeitsalltag viel Professionalität, Verantwortungsbewusstsein und Herzblut.
Gleichzeitig habe ich in kurzer Zeit erfahren, wie komplex und vielfältig unser Verbund aufgestellt ist. Umso wichtiger ist es, genau zuzuhören und Zusammenhänge zu verstehen, bevor Veränderungen angestoßen oder Weiterentwicklungen umgesetzt werden.
Mir ist es daher ein großes Anliegen, neben meiner eigentlichen Tätigkeit regelmäßig unsere Angebote in der Eingliederungs- und Jugendhilfe sowie in den Schulen persönlich kennenzulernen.
Zugleich halte ich eine neue und unvoreingenommene Sicht von außen für wertvoll. In jeder Organisation gibt es gewachsene Abläufe und Strukturen, die überdacht und optimiert werden können insbesondere mit Blick auf die heutigen Möglichkeiten in den Bereichen Digitalisierung und Nachhaltigkeit.
Sie haben die drei Verbünde Sankt Vincenzstift, Antoniushaus und Alfred-Delp-Haus bereits näher kennengelernt. Was hat Sie an der Vielfalt der Verbünde und an den Menschen, die hier leben und arbeiten, besonders berührt oder neugierig gemacht?
Mich beeindruckt generell die große Vielfalt der Angebote, Kulturen und fachlichen Schwerpunkte innerhalb der Verbünde. Gleichzeitig macht mich neugierig, wie wir bestehende Synergien künftig noch besser nutzen können.
Dabei geht es darum, voneinander zu lernen und verbundübergreifend zusammenzuarbeiten, ohne die jeweilige individuelle Identität aus dem Blick zu verlieren. Das fünfjährige Jubiläum der JG Rhein-Main mit seinen verbundübergreifenden Fachtagen bietet hierbei eine sehr gute Möglichkeit, um noch intensiver Miteinander in den Austausch zu kommen. In unruhigen Zeiten gilt umso mehr, „nur gemeinsam sind wir stark“.
Als kaufmännischer Geschäftsführer tragen Sie Verantwortung für Zahlen, Prozesse und Strukturen, aber gleichzeitig geht es in der JG Rhein-Main immer um Menschen. Wie erleben Sie dieses Spannungsfeld im Alltag, und was ist Ihnen dabei besonders wichtig?
Dieses „Spannungsfeld“ ist in der Sozialwirtschaft allgegenwärtig, stellt für mich jedoch keinen Widerspruch dar. Unser aller gemeinsames Ziel ist es, wirtschaftlich solide aufgestellt zu sein, um eine bestmögliche und nachhaltige Begleitung unserer Bewohner:innen und Schüler:innen sicherzustellen.
Solide Zahlen, klare und transparente Prozesse sowie verlässliche Strukturen sind kein Selbstzweck, sondern die Grundlage dafür, dass gute Arbeit mit und für Menschen dauerhaft möglich bleibt. Dabei ist es wichtig, Abläufe zu vereinheitlichen und unnötige Prozesse zu vermeiden. Wirtschaftliche Entscheidungen sollen verständlich sein und stets die Auswirkungen auf Mitarbeitende sowie auf die begleiteten Menschen berücksichtigen.
Die Eingliederungshilfe steht vor großen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen. Welche Themen sehen Sie aktuell als besonders zentral für die Zukunftsfähigkeit der JG Rhein-Main?
Zentrale Themen sind eine langfristige wirtschaftliche Stabilisierung, ein verantwortungsvoller und nachhaltiger Umgang mit immer knapper werdenden Ressourcen, eine kontinuierliche Optimierung unserer Strukturen sowie eine offene und verlässliche Kommunikation. Ebenso entscheidend ist die Gewinnung und Bindung von Mitarbeitenden, um insbesondere den Einsatz von Zeitarbeit in einzelnen Bereichen zu reduzieren.
Darüber hinaus erfordern die steigenden fachlichen und die sich stetig verändernden gesellschaftlichen Anforderungen ein hohes Maß an Flexibilität und vorausschauendem Handeln. Nachhaltigkeit und ein ökologisches Bewusstsein gilt es dabei stets mitzuberücksichtigen.
Aktuell beschäftigen uns in der Geschäftsführung neben einer Vielzahl struktureller Anpassungen unter anderem die noch fertigzustellenden größeren Bauprojekte, der Aufbau des neuen Jugendhilfebereichs im Antoniushaus, die flächendeckende Einführung der gesetzlich vorgegebenen Ganztagesbetreuung an unseren Schulen sowie die Ausweitung der internen Werkstatt-Tätigkeiten im Verbund.
Sie bringen Erfahrungen aus der Wirtschaftsprüfung und aus der Jugendhilfe mit. Welche Impulse möchten Sie mit diesem Hintergrund in die kaufmännische Arbeit der JG Rhein-Main einbringen?
Aus der Wirtschaftsprüfung bringe ich neben meinem Zahlenverständnis einen klaren Blick für Strukturen, Abläufe und belastbare Entscheidungsgrundlagen mit. Aus der Jugendhilfe die Überzeugung, dass wirtschaftliche Rahmenbedingungen immer den optimalen fachlichen Auftrag sicherstellen müssen.
Diese beiden zusammenwirkenden Perspektiven möchte ich verbinden: wirtschaftlich solide und nachvollziehbar handeln und dabei stets nah an der Praxis und an den Menschen zu sein. Transparenz und Gleichbehandlung sind für mich dabei zentrale Anliegen.
Wenn Sie einen Blick nach vorne werfen: Was wünschen Sie sich für die weitere Zusammenarbeit in der Geschäftsführung, mit den Mitarbeitenden und für die Menschen, die in der JG Rhein-Main begleitet werden?
Ich wünsche mir eine vertrauensvolle, offene und vorurteilsfreie Zusammenarbeit auf allen Ebenen, in der Herausforderungen ehrlich benannt und gemeinsam tragfähige Lösungen entwickelt werden.
In diesem Zuge möchte ich meinen beiden Geschäftsführerkollegen danken, dass sie mich sehr herzlich aufgenommen haben und erlebe unsere tägliche Zusammenarbeit als ausgesprochen konstruktiv und wertschätzend. Zudem möchte ich mich ausdrücklich nochmal bei meinem Vorgänger, Herrn Sipf, für die wirklich gute und vertrauensvolle Einarbeitung bedanken. Beides ist nicht selbstverständlich.
Für die Mitarbeitenden setzen wir uns gemeinsam in der Geschäftsführung jeden Tag für bessere Arbeitsbedingungen, ein wertschätzendes Miteinander und eine positive Fehlerkultur ein und wünschen uns, dass jeder trotz aller bestehenden Herausforderungen gerne und mit Überzeugung zur Arbeit kommt.
Für die Menschen, die wir täglich begleiten und unterstützen, habe ich die volle Überzeugung, dass die JG Rhein-Main weiterhin der verlässliche, vertrauensvolle und menschliche Partner in allen Lebenslagen sein wird.
Ein besonderes Anliegen ist es mir, neben den gemeinsamen festlichen Aktivitäten weitere Möglichkeiten für Begegnungen und Vernetzungen zu schaffen. Persönlich steht meine Tür immer offen. Montag und Mittwoch bin ich in der Regel im Antoniushaus, Dienstag und Donnerstag im Sankt Vincenzstift und Freitag im Alfred-Delp-Haus anzutreffen.
Ich habe großen Respekt vor dem, was hier bisher geleistet wurde und freue mich darauf, die Zukunft aktiv mitzugestalten.
Herr Stahlheber, vielen Dank für das Gespräch.
Ihre Ansprechperson